Unterwegs in der Mitte Deutschlands (Teil 2)

Dienstag, 16. November 2021

Unterwegs in der Mitte Deutschlands (Teil 2) WF Otto Bock HealthCare GmbH, Duderstadt

Der aktuelle Bericht über die Fotoexkursion zu Feuerwehren in Deutschlands Mitte berichtet vom Besuch bei der Werkfeuerwehr des weltweit führenden Herstellers von Prothesen und Orthesen in Duderstadt.

Erstes Ziel des Tages war die Werkfeuerwehr der Otto Bock HealthCare GmbH in Duderstadt. Die Firma wurde 1919 von Otto Bock in Berlin als „Orthopädische Industrie GmbH“ gegründet, ein Jahr später zog man nach Königsee in Thüringen um. 1947, nach der Enteignung des Standortes durch die sowjetische Besatzungsmacht, gründete Bocks Schwiegersohn Max Näder die Firma erneut im britischen Besatzungsgebiet – in Duderstadt. Nicht zuletzt dieser Betrieb war einer der Gründe, weshalb die Stadt trotz der Lage an der innerdeutschen Grenze wirtschaftlich vergleichsweise gut dastand.

Inzwischen heißt das Unternehmen seit 2016 Ottobock SE & Co. KGaA und gehört noch immer überwiegend der Gründerfamilie, repräsentiert durch Bocks Enkel Hans Georg Näder. Es ist der weltweit führende Hersteller von Prothesen und Orthesen mit Niederlassungen in über 50 Ländern. Einem größeren Publikum bekannt geworden ist die Firma vor allem durch ihr Engagement für SportlerInnen mit Handicaps. Seit 1988 nimmt sie mit zahlreichen Technikern und einer mobilen Werkstatt regelmäßig an den Paralympics teil und bietet allen AthletInnen für die Dauer der Spiele einen kostenlosen Wartungs- und Reparaturservice.

Was ist nun das Gefährliche an Prothesen, dass eine eigene Werkfeuerwehr benötigt wird? Auf den ersten Blick sicher nichts. Aber der demographische Wandel, die Leistungsfähigkeit und Tagesverfügbarkeit der Freiwilligen Feuerwehren sowie die vielen Teilprodukte, welche aus Holz, Carbon, Titan und verschiedenen Kunststoffen bestehen, machten diesen Schritt notwendig. Im Weiteren ist die Werkfeuerwehr ebenfalls für die 2017 ausgegliederte Firma zuständig, welcher am Standort Polyurethan-Blockschäume herstellt.

Wir stellten unser Auto auf dem Besucherparkplatz ab und begaben uns zur Pforte. Nach den bei großen Unternehmen üblichen Einlasskontrollen wurden wir vom Werkbrandmeister abgeholt, zu Fuß ging es zum Feuerwehrhaus, einer zweiständigen Unterkunft zwischen den Produktionshallen. Dort standen je zwei Fahrzeuge hintereinander, vorne die für den Ersteinsatz, dahinter der „2. Abmarsch“. Falls dieser benötigt würde, wären die anderen sowieso schon unterwegs.

Im Jahre 1975 wurde zunächst eine Betriebsfeuerwehr gegründet. Schon damals pflegte man gute Beziehungen zur Ortsfeuerwehr Duderstadt, und so stammte das erste Fahrzeug aus deren Fuhrpark. Bachert hat zu Beginn der 1960er Jahre eine Reihe von Tanklöschfahrzeugen TLF 16-T auf MAN-Basis vor allem an niedersächsische Feuerwehren ausgeliefert. Eines davon war ab 1962 bei der FF Duderstadt im Einsatz. Von den anderen bekannten Fahrzeugen dieser Art unterschied es sich durch das verwendete Fahrgestell 635 HA L1, also mit Allradantrieb, 6 t Nutzlast und 135 PS. Üblich war zu dieser Zeit sonst der Typ 415 HA mit 115 PS bei vier Tonnen Nutzlast. Warum sich die Verantwortlichen damals für ein leistungsfähigeres Fahrzeug entschieden, ist nicht bekannt.

1966 und 1982 beschaffte die FF (ab 1973 OF) Duderstadt modernere Tanklöschfahrzeuge, so dass der MAN zunehmend weniger benötigt wurde. Daher konnte das TLF 16-T an die BtF Otto Bock abgegeben werden. Dort blieb es für viele Jahre das einzige Fahrzeug. Nachdem 2009 ein neueres TLF 16 (s.u.) in Dienst genommen werden konnte, wurde der MAN zum Gerätewagen-Transport umgerüstet. Der 2.800 l fassende Tank und die Pumpe blieben erhalten, die neue Beladung wurde für kleinere Gefahrguteinsätze ausgelegt. Bis 2013 stand das Fahrzeug im Dienst. Heute befindet sich es sich immer noch als Oldtimer im Besitz des Eigentümers, wo es entsprechend verwahrt wird.

Ein junger Maschinist rangierte uns die Einsatzfahrzeuge in Fotoposition. Der bedeckte Himmel mit hoher, leichter Bewölkung erleichterte ihm und uns die Arbeit: Es reichte die Objekte der Begierde aus dem Gebäudeschatten herauszufahren, ein Umdrehen für die Rückansicht war nicht nötig.


GW – Transport, MAN 635 HA L1, Bachert, Bauj. 1962, ursprünglich TLF 16-T der FF Duderstadt, abgegeben an die BtF Otto Bock 1982. Bis 2004 war es dort das einzige Fahrzeug.


30 Jahre nach ihrer Gründung entsprach eine Betriebsfeuerwehr nicht mehr den Anforderungen, die die Firmenleitung selbst an den Brandschutz im Werk stellte. Sie entschloss sich eine nebenberufliche Werkfeuerwehr einzurichten. Mit der 2006 erfolgten Anerkennung als WF war nicht nur eine personelle Verstärkung auf ca. 45 Einsatzkräfte notwendig. Auch technisch wurde aufgerüstet, wieder kamen Fahrzeuge von der OF Duderstadt.

Den Anfang machte die ehemalige Drehleiter der Stadtwehr. 2004 wurde dort ein Neufahrzeug in Dienst gestellt, den Vorgänger aus dem Jahre 1973 verkaufte die Stadt an die im Aufbau befindliche Werkfeuerwehr. Dieser Schritt nützte beiden Seiten, denn jetzt stand Duderstadt bei Bedarf schnell eine zweite Drehleiter zur Verfügung. Zahlreiche Einsätze – vor allem außerhalb des Werksgeländes – haben das in den letzten Jahren bestätigt.


DL 30 h, Magirus 192 D 11 F, Magirus, Bauj. 1973, 2004 gekauft von der FF Duderstadt und bis 2016 im Einsatz.



Von großem Nutzen war die Krananlage der DL 30; der zeittypisch noch nicht fest montierte Korb war dagegen eher suboptimal.

Auch das dritte Fahrzeug der Werkfeuerwehr stammte aus dem Fuhrpark der Ortsfeuerwehr Duderstadt, es war wieder ein Tanklöschfahrzeug. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist jedoch etwas komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Darüber wird aber erst in der nächsten Folge zu lesen sein, etwas Spannung muss sein.

Jedenfalls wurde 2009 das ehemalige TLF 16 der OF Duderstadt übernommen, das TLF 16-T anschließend (wie bereits erwähnt) zum Gerätewagen umgerüstet. Das „neue“ Fahrzeug entsprach der üblichen Bauart von Tanklöschfahrzeugen in den frühen 1980er Jahren, als Besonderheit ist allenfalls der Lichtmast im vorderen Teil des Aufbaudaches zu erwähnen. Aktuell ist das Fahrzeug das älteste der Werkfeuerwehr, seit 2013 steht es in der 2. Reihe hinter der Drehleiter.


TLF 16, Mercedes-Benz 1019 AF, Ziegler, Bauj. 1982, ex OF Duderstadt, 2009 an WF Otto Bock.


Im baden-württembergischen Böblingen bestand seit 1977 eine Halbleiterfabrik. Zunächst hatte sie zu IBM gehört, 1995 stieg Philips ein und übernahm drei Jahre später das Unternehmen komplett. Ab 2001 firmierte das Werk unter Philips Semiconductors, woraus 2006 NXP Semiconductors wurde. Aufgrund des vorhandenen Gefahrenpotentials existierte schon lange eine Werkfeuerwehr. 2008 verlegte Philips die Produktion an andere Standorte, das Werk wurde geschlossen, die Werkfeuerwehr aufgelöst.

Aus der „Abwicklungsmasse“ der Werkfeuerwehr kaufte Otto Bock einen gut ausgestatteten Rüstwagen-Gefahrgut (RW-G). Von der Beladung her ließ er sich in etwa mit einem GW-G2 vergleichen, wie er von 1997-2005 genormt war. Das übernommene Fahrzeug war aber älter, daher die abweichende Bezeichnung.

Der in Leuchtrot (RAL 3024) lackierte Wagen wurde 1990 von Ziegler auf ein Mercedes-Benz-Fahrgestell des Typs 1222 F gesetzt. Dieses spezielle Feuerwehrfahrgestell bot einen Nebenabtrieb, der zum Generator 20 kVA der Firma Knurz führte. Die umfangreiche Beladung wurde auf die speziellen Gegebenheiten des Duderstädter Werks angepasst.


RW-G, DB 1222 F, Ziegler, Bauj. 1990, von der aufgelösten WF NXP Semiconductors in Böblingen 2010 übernommen.


Das war der Ausrüstungsstand der Werkfeuerwehr bei unserem Besuch im Jahre 2011. Schon zwei Jahre später gab es weitere Veränderungen. Als erstes Neufahrzeug in der Geschichte der WF wurde ein Hilfeleistungslöschfahrzeug HLF 20/16 auf Mercedes-Benz Axor 1833 F beschafft. Die Normbezeichnung des von Rosenbauer (Luckenwalde) ausgelieferten Fahrzeugs untertreibt stark. Tatsächlich ist eine Pumpe vom Typ N35 montiert, sie leistet 3000 l/min bei 10 bar. 4.000 l Wasser und 200 l Schaummittel werden in Tanks mitgeführt. Vier Einsatzkräfte können sich schon während der Anfahrt mit Pressluftatmern ausrüsten.


HLF 20/16, Mercedes-Benz Axor 1833 F, Rosenbauer, Bauj. 2013.


Seit der Indienststellung ist das HLF das Ersteinsatzfahrzeug, der MAN wurde dafür ausgemustert. 50 Jahre Feuerwehrgeschichte zeigen einen deutlichen Unterschied.

Nach mehr als 40 Dienstjahren entsprach auch die DL 30 nicht mehr den heutigen Anforderungen. Zum 10jährigen Jubiläum der Werkfeuerwehr im Jahre 2016 konnte daher eine gebrauchte, aber generalüberholte Drehleiter DLK 23-12 in Dienst gestellt werden. Leider können wir davon im Moment noch keine Fotos zeigen.

Zurück zu unserem Besuch im Sommer 2011. Der Wehrführer zog sich am Ende unseres sehr interessanten Fototermins gleich noch Karl-Ludwigs Bilder auf den Dienst-PC. So brauchten wir ihm später nicht noch eine CD zu schicken. Wir wurden wieder bis ans Tor begleitet, tauschten unsere Besucherkarten zurück gegen unsere Personalausweise und verabschiedeten uns.

Inzwischen war es Mittag geworden, wir hatten Hunger und wollten irgendwo etwas essen gehen. In einer Bäckerei versorgten wir uns mit Kaffee und belegten Brötchen. Dann zogen wir ein erstes Resümee: Unsere Exkursionswoche hatte mit einem vollen Erfolg begonnen!

(wird fortgesetzt)

Text: Klausmartin Friedrich

 Fotos: Rüdiger Barth, Klausmartin Friedrich
 


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