Ein besonderer VRW

Freitag, 10. August 2018

Vorausrüstwagen und Kleinalarmfahrzeug in Einem

Die Freiwillige Feuerwehr im mittelfränkischen Baiersdorf konnte einen Vorausrüstwagen beschaffen, der in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit darstellt: Es handelt sich um das erste Einsatzfahrzeug auf Basis eines Ford Transit Custom 4x4. Außerdem werden hier VRW und KLAF in einem Fahrzeug vereint. Wir stellen Euch das bisher einzigartige Fahrzeug mit allen seinen Besonderheiten vor:

Vorausrüstwagen (VRW) zählten einst zu den wichtigsten Fahrzeugen der Feuerwehr bei Verkehrsunfällen. Durch die kompakte Bauweise sowie das schnelle und wendige Fahrgestell sind diese Fahrzeuge ideal dafür geeignet, um Einsatzstellen auf Autobahnen oder Landstraßen schnell zu erreichen, auch wenn die Bildung einer Rettungsgasse den Verkehrsteilnehmern nicht optimal gelingen sollte. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten scheint dieser Fahrzeugtyp jedoch Stück für Stück außer Mode gekommen zu sein, was sich auch daran wiederspiegelt, dass er in den meisten Bundesländern nicht mehr bezuschusst wird, so auch in Bayern. Natürlich gibt es mittlerweile in nahezu allen Regionen der Republik ein sehr dichtes Netz an hydraulischen Rettungsgeräten. Aber dennoch sind leider immer wieder Meldungen zu vernehmen, die von der Problematik einer nicht vorhandenen oder schlecht gebildeten Rettungsgasse und entsprechenden Großfahrzeugen, die im Stau feststecken, so dass Einsatzkräfte sich zu Fuß auf den Weg zum Unfallort machen müssen, berichten – und das, obwohl nun seit einiger Zeit Aufklärungskampagnen in allen Bundesländern laufen! Daher stellt sich die Frage, ob dieser Fahrzeugtyp nicht doch noch eine absolute Daseinsberechtigung haben sollte? Die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Baiersdorf hat diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet und sich im Jahr ihres 150. Jubiläums für einen neuen VRW entschieden!

 

Der erste Baiersdorfer VGW - Foto: Klaus Fischer (Ottobrunn)

 

Bei den Baiersdorfen, die auch für den starkfrequentierten Abschnitt der Autobahn BAB 73 zwischen Forchheim und Erlangen, sowie zahlreiche Landstraßen zuständig sind, haben Vorausrüstfahrzeuge fast schon eine langjährige Tradition. Bereits während der Teilabschnitt Bamberg-Nürnberg zwischen den Jahren 1967 und 1986 gebaut wurde, hat sich die damalige Wehrführung Gedanken gemacht, wie man künftig auf der BAB bei schweren Verkehrsunfällen schnelle Hilfe leisten könnte. Bereits 1981 konnte der erste Vorausgerätewagen (VGW) auf einem Mercedes-Benz PKW-Fahrgestell seinen Dienst antreten. Wenige Jahre später und pünktlich zur Eröffnung der Autobahnstrecke Erlangen-Bamberg Mitte der 1980er Jahre konnte dann auch die FF Baiersdorf ihr neues Fahrzeugkonzept für Autobahneinsätze in Dienst stellen. Dieses umfasste einen VGW, sowie ein Vorauslöschfahrzeug (VLF). Beide Fahrzeuge basierten nun auf ausgemusterten Krankentransportwagen auf Basis eines Mercedes-Benz W 123 (Hoch-Lang-Bauweise). Der VGW war für eine dreiköpfige Besatzung ausgelegt und führte einen hydraulischen Rettungssatz mit, während das VLF nur durch zwei Mann besetzt werden konnte, da sich im ehemaligen Patientenraum ein 320 Liter fassenden Löschwasserbehälter samt Tragkraftspritze, formstabilen Schnellangriffsschlauch und Schaumschnellangriff befand. Diese beiden Fahrzeuge waren also zusammen in der Lage, eine Notrettung, sowie einen ersten Löschangriff vorzunehmen.

 

Die zweite Generation VGW auf Basis eines ausgemusterten KTW - Foto: Klaus Fischer (Ottobrunn)

 

VLF, welches ebenfalls auf einem ausgemusterten Hoch/Lang KTW basiert - Foto: Klaus Fischer (Ottobrunn)

 

Während sich der VGW stets bewähren sollte, stellte man relativ schnell fest, dass das VLF nicht wirklich benötigt wird. Dies lag besonders daran, dass mittlerweile ein vielseitig ausgestatteter VRW auf Basis eines Mercedes-Benz 280 GE, welcher aus Beständen des Bundesgrenzschutzes übernommen werden konnte, zur Verfügung stand. Dieser führte auch mehrere Handfeuerlöscher zur Bekämpfung von Entstehungsbränden mit. Außerdem konnte dazu Anfang der 1990er Jahre ein umfangreich ausgerüstetes Löschgruppenfahrzeug LF 16/12 in Dienst gestellt werden. Dieses Mercedes G-Modell aus dem Jahre 1979 leistete bis Mitte diesen Jahres treue Dienste im Rüstzug der Baiersdorfer Wehr. Das Fahrzeug wurde 2009 in Eigenleistung durch die Feuerwehr Baiersdorf modernisiert und generalüberholt. Dabei wurden Roststellen ausgebessert, Bleche eingeschweißt, diverse Kleinteile neu angebracht, der Kühlergrill neu lackiert, die Beladung den Bedürfnissen neu angepasst, die Fahrzeugelektrik überholt und erneuert, der Warnbalken und die Arbeitstellenscheinwerfer am Heck angebracht sowie die Sitze neu aufgepolstert und überzogen.

 


Außerdem wurde das Fahrzeug im neuen Foliendesign der Baiersdorfer Wehr beklebt. Der Schriftzug "Hans" auf der Motorhaube des Fahrzeuges soll an den kurz vor Wiederindienststellung verstorbenen ehemaligen Kommandanten und Ehrenkreisbrandmeister der Feuerwehr Baiersdorf erinnern. Aus diesem Grund waren auch dessen Initialen ZH auf dem neuen Nummernschild des Fahrzeuges zu finden.

Anlässlich ihres 150. Jubiläums im Sommer 2018 konnte die FF Baiersdorf gleich zwei neue Fahrzeuge in Dienst stellen, ihren neuen VRW, welcher zudem auch als Kleinalarmfahrzeug (KLAF) fungiert, sowie ein Hilfeleistungslöschfahrzeug (HLF) 20.

 

 

Auf einem Ford Transit Custom 4x4 basierend stellt dieser VRW eine absolute Besonderheit dar, denn serienmäßig gibt es dieses Fahrgestell nur in einer Straßenversion. Um diese geländegängige Allradversion zu erhalten, ist ein Umbau durch die Firma extrem Fahrzeuge GmbH mit Sitz in Schwenningen notwendig. Bisher wurden zwar schon mehrere Ford Transit Custom durch diese Firma umgebaut, allerdings nur für den privaten Bereich. Folglich handelt es sich hierbei um das erste Einsatzfahrzeug überhaupt in Deutschland, welches auf diesem Fahrgestell basiert. Als Grundfahrgestell dient ein Ford Transit custom 330 L2H1 2.0 TDCI mit einem Vierzylinder-Dieselmotor und einer Motorleistung von 125 kW (170 PS) bei 3.500 Umdrehungen pro Minute, sowie einem 6-Gang-Schaltgetriebe. Damit kann eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 170 km/h erreicht werden. Das Paket an Assistenzsystemen des VRW kann durchaus als umfangreich beschrieben werden. Neben einem Multifunktionslenkrad, wartet der Ford Transit Custom mit einem Tempomat, Licht- und Fahrspurassistenten mit Müdigkeitswarner, einem in den Rückspiegel integrierten Rückfahrkamerasystem mit Ultraschallwarner und optischer Einparkhilfe, Abbiegelicht und Brems- und Berganfahr-Assistent auf, welches durch eine zeitgemäße Sicherheitsausstattung mit sechs Airbags abgerundet wird.

 

 

Technische Daten:

  • Fahrgestell: Ford Transit Custom 330 L2H1 2.0 TDCI
  • 4x4-Umbau: extrem Fahrzeuge GmbH
  • Leistung: 125 kW (170 PS) / 3.500 U/min
  • VMax: 170 km/h
  • Hubraum: 1.997 cm³
  • Antrieb: 4x4 und manuelles 6-Gang-Schaltgetriebe
  • Radstand: 3.300 mm
  • Länge: 5.339 mm (mit Anhängerkupplung: 5.487 mm)
  • Breite: 2.032 mm
  • Höhe: 2.140 mm
  • ZGG: 3.140 kg
  • Leergewicht: 2.605 kg

 

Ausgebaut wurde der VRW nach den Wünschen der Wehr durch die ehemals in Baiersdorf und nun im benachbarten Forchheim ansässige Firma Compoint Fahrzeugbau. Die Herausforderung für den Ausbauer lag jedoch darin, neben einem VRW auch noch ein KLAF mit Logistikkomponente in diesem Fahrzeug zu verwirklichen! Abweichend von vielen auf Kleinbussen basierenden VRW verfügt das Baiersdorfer Fahrzeug nicht über einen einzelnen dritten Sitz im Fond, sondern über insgesamt drei Sitzplätze in der Fahrerkabine. Dadurch bietet der Mittelbereich, welcher auf jeder Seite durch eine Schiebetür zugänglich ist, seine volle Nutzfläche. Über eine Rampe lassen sich hier je nach Einsatzstichwort verschiedene Rollcontainermodule einschieben. Bisher werden die Module Ölspur und Unwetter (diverse Pumpen und Wassergutsauger) vorgehalten. Ein weiteres für kontaminierte Einsatzkleidung und Ausrüstung ist derzeit in Beschaffung. Im Normalfall ist jedoch keines dieser Module im Fahrzeug verlastet, da sich die feste Beladung in einem Regalsystem aus Aluminiumprofilen befindet, welches über den Innenraum zugänglich ist und gegebenenfalls bei einem Rüstzug-Einsatz schnell benötigt werden könnte. Dazu gehören zwei tragbare digitale Handsprechfunkgeräte, zwei Adalit Knickkopflampen, fünf Verkehrsleitkegel und vier Euroblitz-Leuchten mit Ladevorrichtung, Gummistiefel, 12 kg Pulverlöscher, Löschdecke, Notfallrucksack, Gerätesatz Türöffnung, Motorkettensäge mit Schnittschutzkleidung und Forsthelm, sowie zwei 50 Meter Kabeltrommeln.

 

 

Die restliche feste Beladung des VRW wird im Heckmodul gelagert und ist primär auf Verkehrsunfälle ausgelegt. Das Heckmodul gliedert sich dabei in zwei Bauteile, nämlich in ein Regalsystem, sowie eine Ausziehwand. Als hydraulischer Rettungssatz werden Geräte der Lukas eDraulic 2.0 Serie mitgeführt. Neben einem Spreizer und einer Rettungsschere steht auch ein akkubetriebener Teleskoprettungszylinder bereit. Diese drei schweren Geräte, sowie ein entsprechender Schwelleraufsatz lagern an der rechten Außenseite des Schwerlastauszuges und sind somit komfortabel und einfach zu entnehmen. An der linken Seite befinden sich Bolzenschneider, Spaltaxt, Feuerwehraxt, Spalthammer und eine Bügelsäge. Das Regalsystem, welches ebenfalls aus Aluminiumprofilen gefertigt worden ist, bietet Platz für Unterbaumaterial und Formhölzer, Handwerkzeug, Gerätesatz Verkehrsunfall (Glasmanagement, Batterieabklemmwerkzeug, etc.), Auffangmulden (z.B. für Betriebsstoffe), Zubehör und Ersatzakku für den Lukas Rettungssatz und einen Peli LED-Lichtmast. Dieser Lichtmast besteht aus einem in den Standfuß integrierten Akku, einem ausklapp- und ausziehbaren Stativ, sowie einem LED Scheinwerfer. Laut Hersteller liegt die Leuchtdauer mit einer Akkuladung bei bis zu 28 Stunden! Seitlich von dem Regalmodul befindet sich außerdem die Elektrik für die eingebaute Dynawatt-Anlage, welche eine Stromversorgung über den Fahrzeugmotor an der Einsatzstelle ermöglicht.

 

 

 

Allerdings soll der VRW nicht nur als erstausrückendes Fahrzeug im Rüstzug fungieren, sondern künftig auch für dringende Türöffnungen gemeinsam mit der DLK eine Einheit bilden. Außerdem sollen kleinere Ölspuren, sowie Sturm- und Wasserschäden, also typische Kleinalarme, eigenständig abgearbeitet werden. Es ist ebenso angedacht, künftig verschmutzte und kontaminierte Einsatzkleidung mit einem speziellen Rollcontainer in diesem Fahrzeug von einer Einsatzstelle zurück auf die Feuerwache zu transportieren.

 

 

Besonders auffällig ist das neue Fahrzeugdesign der FF Baiersdorf, welches bei dem VRW erstmals umgesetzt werden konnte. Dieses wurde gemeinsam durch einen Kameraden der Wehr, sowie das Grafikdesign- und Beklebungsteam der Firma Compoint entwickelt. Besonders auffallend und charakteristisch ist dabei der sogenannte Geleitsmann an den Seiten, welcher auch Bestandteil des Stadtwappens ist. Die Baiersdorfer Geleitsmänner begleiteten und schützen im Mittelalter die Handelszüge der Kaufleute und Patrizier, also des Stadtadels und der für den inneren Rat berechtigten Familien, aus der benachbarten Reichsstadt Nürnberg. Dieser Geleitsmann wird durch insgesamt fünf schräg angeordnete Streifen eingebettet. Rundum komplettieren Schriftzüge, sowie eine Konturmarkierung das Design. Alle gelben Folienelemente sind im Übrigen retroreflektierend und erhöhen somit die Sicherheit. Heckseitig setzen die Baiersdorfer zudem noch auf eine rot-gelbe, ebenfalls retroreflektierende Warnschraffur.

 

 

Bei der Sondersignalanlage setzt man fast vollständig auf Produkte aus dem Hause Rauwers (Federal Signal Vama). Der extra flache und 1.549 mm breite Signalbalken des Typs Aurum ist mit insgesamt zehn zur Front und zwei zum Heck ausgerichteten LED-Kennleuchten, sowie vier Eckmodulen ausgestattet. Komplettiert wird dieser durch zwei Micro Pulse LED Frontblitzer, zwei 416300 Seitenkennleuchten (Intersection Lights), einen SignalMaster SMLED6+2 SL Heckwarnbalken mit zwei blauen und sechs gelben LED Leuchten, sowie Druckkammerlautsprecher hinter der Frontstoßstange. Lediglich hinter der Heckklappe sind zwei WL-LED Heckblitzer von Hella verbaut worden.

 

Wir wünschen der FF Baiersdorf stets eine unfallfreie Fahrt und stets eine gesunde Rückkehr von ihren Einsätzen!

 

Fotos VGW und VLF: Klaus Fischer (Ottobrunn)

Text und übrige Fotos: Maximilian Kunkel (BOS-Fahrzeuge.info)


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