Die Haubenfahrzeuge der Nachkriegszeit - Teil 7

Dienstag, 23. Februar 2016

Die Haubenfahrzeuge der Nachkriegszeit - Teil 7 - Mercedes-Benz L 3250 (Baujahre 1949 – 1950)

Vor dem 2. Weltkrieg war die Daimler-Benz AG der bedeutendste deutsche LKW-Hersteller gewesen, der auch einen erheblichen Exportanteil vorweisen konnte. Erst während des Krieges war die Adam Opel AG wegen ihres erfolgreichen Dreitonners bei den Stückzahlen vorbeigezogen. Zu allem Überfluss hatten die nationalsozialistischen Machthaber auch noch der Daimler-Benz AG die Produktion des eigenen L 3000 untersagt und sie zur Herstellung des Konkurrenzproduktes gezwungen. Auch wenn diese Entscheidung letztendlich dem Werk Mannheim in der Nachkriegszeit Arbeit und (ab Juni 1948) DM-Einnahmen verschaffte, war der Zustand für ein selbstbewusstes Großunternehmen nicht tragbar.

Gleich nach Kriegsende hatte man begonnen, die Entwicklung eines eigenen Dreitonners mit Dieselmotor voranzutreiben, der die Fahreigenschaften und die Nutzlast eines Benziners haben sollte. Damit war der Weg fort von den behäbigen und schweren Dieselmotoren der 1930er Jahre vorgegeben. Anfang der 1940er Jahre war bereits ein leichterer Motor, der so genannte OM 302, in der Entwicklung gewesen, seine Serienreife hatte er aber nicht mehr erreicht. Darauf wollte man jetzt aufbauen, was sich aber nur teilweise verwirklichen ließ.

Man musste in den ersten Nachkriegsjahren weitgehend mit dem auskommen, was man hatte. Neben nur mittelschwer beschädigten Werkhallen in Mannheim besaß man dort eine moderne und weitgehend intakte Fließbandproduktion mit allen dafür erforderlichen Werkzeugen und Maschinen – die obendrein auch noch vom untergegangenen Staat bezahlt worden war. Irgendwie musste es doch möglich sein, daraus das gewünschte Produkt herzustellen. Und es war möglich!

Der Motor des Opel Blitz 3,0t hatte aufgrund seiner Konstruktion die sechs Zylinder nicht in gleichmäßigen Abständen zueinander stehen. Vielmehr waren sie immer paarweise zusammengefasst worden. Der neue Mercedes-Benz-Motor musste also genauso konstruiert werden. Damit ergab sich natürlich auch die für einen damaligen Dieselmotor relativ geringe Zylinderblocklänge, die sonst nur bei Benzinern üblich war. Die Zylinderbohrung beim Opel-Motor betrug 90 mm. Also erhielt auch der jetzt OM 312 genannte neue Motor diese Bohrung.

Mit den 3,6 Litern Hubraum des Opel-Motors war bei einem Diesel allerdings „kein Blumentopf zu gewinnen“. Hier musste der Hub von 95 auf 120 mm verlängert werden, damit ca. 4,6 Liter Hubraum erreicht wurden. Damit standen jetzt 90 PS zur Verfügung, deutlich mehr als die 75 PS des „Paten“. Wegen der höheren Drücke beim Dieselmotor reichte die von Opel vorgesehene vierfache Lagerung der Kurbelwelle eindeutig nicht aus, jetzt wurde sie siebenfach gelagert. Dass anstelle der Löcher für Zündkerzen jetzt Bohrungen für die Glühkerzen hergestellt werden mussten, war da schon das geringere Problem.


Parallel dazu war das Fahrgestell entwickelt worden. Ein großer Vorteil des Opel Blitz 3,0t war seine Wendigkeit aufgrund des kurzen Radstandes von 3.600 mm gewesen. So war es konsequent, dass die Daimler-Benz AG dasselbe für ihren Dreitonner vorsah. Auch von der Konstruktion her unterschied der Rahmen sich wenig von dem des „Stiefvaters“.

Die verwendete Kabine entsprach dem bereits in den ersten Kriegsjahren produzierten Stahlführerhaus, Motorhaube und Kühler orientierten sich am formschönen L 1500 S. Der neue, jetzt wegen seiner Nutzlast L 3250 genannte LKW wirkte dadurch quasi wie sein größerer Bruder, auch wenn er der jüngere von beiden war.

Vielleicht ist diese Ähnlichkeit der Grund dafür, dass die LLG der Kriegsjahre in der Nachkriegszeit keineswegs als veraltet galten. Ihre Konstruktion war, wie bereits geschildert, der große Wurf gewesen. Dennoch verzichtete die Daimler-Benz AG auf einen Weiterbau des leichten LKW und überließ für einige Jahre den Mitbewerbern das Feld.

Man konzentrierte sich ganz auf den Dreitonner. Vorgesehen war der Produktionsstart bereits für 1948, aber die im Vorjahr immer noch angespannte Versorgungslage mit Kohle, Gas und Strom machte diese ehrgeizige Planung zunichte. Also machte man bei der Daimler-Benz AG aus der Not eine Tugend und nutzte die gesamte 2. Verlängerungsphase für die Lizenzproduktion des L 701 voll aus.

Im Mai 1949 stellte die Daimler-Benz AG auf der Exportmesse in Hannover, der heutigen Hannover-Messe, ihr neu entwickeltes Produkt vor und erntete begeistere Kritiken. Die in Prospekten angepriesen Eigenschaften wie „Temperament, Wendigkeit und Schnelligkeit eines Personenwagens“ entspringen aber wohl doch eher der Fantasie der Werbetexter.

Zusammengefasst noch einmal die Fahrzeugdaten:
- Vorkammer-Dieselmotor OM 312,
- Hubraum 4.578 cm³,
- Leistung: 90 PS bei 2.800 U/min,
- Höchstgeschwindigkeit ca. 80 km/h,
- Radstand: 3.600 mm,
- Nutzlast: 3.250 kg,
- zul. Gesamtgewicht: 6.500 kg.

Eine Allradversion wurde vom L 3250 übrigens nicht angeboten – die Alliierten erlaubten der gerade gegründeten und noch unter dem Besatzungsstatut stehenden Bundesrepublik Deutschland deren Produktion nicht. Konsequent hatte man bei der Daimler-Benz AG daher auch auf den in der Kriegszeit üblichen Zusatz „S“ für ein Standardfahrgestell verzichtet.

Von Anfang an verkaufte sich der L 3250 hervorragend, erst als Pritschen-LKW, ab Herbst 1949 auch als Kipper LK 3250. Die Feuerwehrgeräteindustrie in Form der Firma Metz griff ebenfalls begeistert zu. Sehr schnell entstanden die ersten Löschgruppenfahrzeuge LF 15, die sich vom Design her an den zuletzt auf L 701-Fahrgestellen gebauten Exemplaren orientierten. Das war auch nicht weiter verwunderlich, schließlich besaßen beide Baureihen denselben Radstand.

Neben den hier gezeigten Fahrzeugen der FF Todtnau und BF Aachen sind weitere aus Rheinfelden, Stockach und Kleinschwarzenbach (Gde. Helmbrechts) bekannt geworden. Ein weiteres LF 15 der zur Gemeinde Hellenthal gehörenden Löschgruppe Wolfert erhielt nach einem schweren Unfall einen komplett erneuerten Aufbau, entspricht also äußerlich nicht mehr dem Original.


LF 15, Mercedes-Benz L 3250, Metz, 1950, FF Todtnau, ausgemustert 1989, durch einen Sammler erhalten.

Daneben entstand bei Metz aber auch eine heute etwas seltsam anmutende Produktlinie von LF 15-TS. Zusätzlich zur fest montierten Heckpumpe FP 15/8 wurde in den Mannschaftsraum eine TS 8/8 eingeschoben. Dies geschah über Türen, die zwischen der Fahrer- bzw. Beifahrertür und den nach hinten verschobenen Mannschaftsraumtüren angeordnet war. Entsprechen kurz war dann der hintere Aufbau gehalten. Dennoch war darin auch noch ein 400 Liter fassender Wassertank untergebracht. Es dürften vor allem Gewichtsverteilungsgründe gewesen sein, die zu dieser ungewöhnlichen Lösung führten.

Wie viele dieser LF 15-TS hergestellt wurden, ist nicht bekannt, es sind jedoch nur sehr wenige gewesen. Neben dem gezeigten ist noch ein etwas älteres Fahrzeug bei der FF Kenzingen nachgewiesen. Offenbar sind alle in das damalige Baden geliefert worden, ehe es 1952 in Baden-Württemberg aufging.

LF 15-TS, Mercedes-Benz L 3250, Metz, 1949, Indienststellung November 1951, FF Oppenau, ausgemustert 1995, als Museumsfahrzeug erhalten. Warum die Auslieferung und Indienststellung erst zwei Jahre nach Produktion des Fahrgestells erfolgte, ist nicht sicher bekannt. Eine genannte Erklärung ist die vorherige Nutzung als Vorführfahrzeug der Daimler-Benz AG. Die Heckpumpe musste 1966 durch eine FP 16/8 ersetzt werden.

Ein erstes Tanklöschfahrzeug TLF 15 wurde ebenfalls von Metz auf diesem Fahrgestell gebaut. Es wurde 1949 an den Landkreis Aschaffenburg geliefert und bei der FF Laufach stationiert. Die Anschaffungskosten betrugen damals 26.467 DM, zusätzlich musste der Landkreis 1.550 kg Walzwerkerzeugnisse an die Daimler-Benz AG liefern. In den ersten Nachkriegsjahren war das ein übliches Verfahren, um die immer noch große Materialknappheit zu überwinden. Die Hochofenbetriebe konnten noch nicht wieder genug Roheisen an die Stahlwerke liefern, andererseits lag allenthalben jede Menge Kriegsschrott herum.

Das erwähnte TLF 15 kam 1961 zur FF Weibersbrunn, 1970 dann zur FF Bad Vilbel-Gronau. Von 1979 bis 1989 stand es schließlich bei der WF Medidenta Schramm & Co. In Oberursel, seitdem wird es vom Firmeninhaber in seiner großen Feuerwehroldtimersammlung gepflegt. Leider fehlt es immer noch in unserer Galerie.

Ebenfalls nicht den Weg in unsere Galerie haben zwei Drehleitern DL 22 gefunden, die von der BF Berlin beschafft wurden. Sie waren die ersten beiden Neufahrzeuge, die die Berliner Feuerwehr nach dem Krieg bekam. Als Besonderheit verfügten sie nicht über das originale Mercedes-Benz-Stahlführerhaus, sondern über eine von Metz gestaltete Truppkabine mit geteilter Frontscheibe. Leider verliert sich die Spur der beiden Raritäten nach ihrer Ausmusterung in Berlin.

Einige Pritschen-LKW auf L 3250-Fahrgestellen wurden erst später zu Feuerwehrfahrzeugen umgebaut. So erhielt die Werkfeuerwehr der Firma Total in Ladenburg ein LF 15 mit Vorbaupumpe, aufgebaut von der Firma Krämer in Groß-Gerau.

Aus einem 1949 gebauten Auslieferungsfahrzeug der Margarine-Union in Kleve (Sanella), vermutlich einem Kühltransporter, entstand 1959 ein LF 8 schwer für die eigene Werkfeuerwehr. Das Unikat wird seit seiner Ausmusterung vor etwa 40 Jahren als Oldtimer und „Eventfahrzeug“ erhalten. Eventuell begegnet es einmal dem einen oder anderen Fotografen.

Ein weiterer Eigenumbau zum Feuerwehrfahrzeug aus den frühen 1960er Jahren stand im Fuhrpark der WF Veba Oel AG in Gelsenkirchen. Auf das Fahrgestell war ein Schaummitteltank mit 3.000 Litern Inhalt montiert worden, eine Tragkraftspritze TS 8/8, Schlauchhaspeln und weitere Geräte vervollständigten die Beladung. Mitgeführt wurde in der Regel ein zweiachsiger Kohlendioxidanhänger.


SMF 3000. Mercedes-Benz L 3250, Baujahr 1949, Eigenumbau aus LKW, WF Veba Oel AG, Gelsenkirchen, Werk Scholven, heute vermutlich im Bestand des Feuerwehrmuseums Hattingen.

Manchmal kommen Raritäten auch in anderen Zusammenhängen zu Ehren. Die Karnevals-Gesellschaft Oecher Spritzemänner e.V. besitzt eines der ältesten LF 15 auf LF 3250. Der 1967 von Aachener Berufsfeuerwehrmännern gegründete Verein hat das Fahrzeug komplett umgebaut, so dass es als Festwagen am Rosenmontagszug teilnehmen kann (vgl. http://www.oecher-spritzemaenner.de/Spritzemaenner%20im%20Rosenmontagszug/slides/IMG_6216.JPG ). Einem Fahrzeughistoriker blutet zwar das Herz, aber die Grundsubstanz des fast 70 Jahre alten Fahrzeugs ist immerhin erhalten geblieben.


ehem. LF 15, Mercedes-Benz L 3250, Metz, 1949, vermutlich geliefert an die BF Aachen, umgebaut zum Karnevalsfahrzeug durch die K.G. Oecher Spritzemänner e.V .

Trotz des großen Erfolges war der Baureihe L 3250 – ganz im Gegensatz zu einigen ihrer Produkte – kein langes Leben beschert. Nach etwas mehr als 2.200 Fahrgestellen wurde sie zum Januar 1950 zur Baureihe L 3500 aufgewertet. Darüber mehr in den nächsten Folgen.

(wird fortgesetzt)

Text: Klausmartin Friedrich

Bilder: Florian Deußen, Klausmartin Friedrich, Frank-Hartmut Jäger, Marko Kruse

Literatur (u.a.):
Daimler-Benz AG (Hrsg.): Brandschutz mit Stern: Die Geschichte der Mercedes-Benz Feuerwehrfahrzeuge und ihrer Vorgänger (1888-2002); Stuttgart, 2007.

Daimler-Benz AG (Hrsg.): Sorgenkind und Glücksfall zugleich: Der L 701 – 65 Jahre Nachbau des Opel Blitz in Mannheim; Stuttgart, 2010.

Fischer, Klaus: Löschgruppenfahrzeuge LF 16; Berlin, 2005.


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