Weit mehr als ein Fahrzeugkatalog der Feuerwehr Essen: Dies ist ein Buch über die Nachkriegsgeschichte der Revierfeuerwehr, eine Technikfibel und eine Schau unglaublicher Kfz-Umbauten
So unspektakulär der Titel „Fahrzeuge der Feuerwehr Essen von 1945 bis 1995“ daherkommt, so groß ist später das Staunen, wenn man den von Andreas Händler und Thomas Kohn herausgegebenen, von Andrè Streich verlegten 224-Seiter zur Hand nimmt. In einer auf drei Bände angelegten Gesamtschau wird mit dem soeben vorgestellten Band über die Nachkriegsgeschichte der Anfang gemacht – und herausgekommen ist ein Werk, das man so noch nicht zu Gesicht bekam.
Historiker streiten gerne über die Frage, ob es 1945 die „Stunde null“ gab. Bei der Essener Feuerwehr, das erfahren wir hier, gab es sie nicht. Was stattfand, das war ein „Unterwegs in die Aussichtslosigkeit“, ein Unterwegs, das bereits 1943 bei Angriffen auf Essen begann und das sich bis zum Kriegsende mit weiteren zwölf Groß- und unzähligen kleineren Bombenangriffen fortsetzte.
Am 11. April 1945, bei der Übergabe der Stadt an die Amerikaner und zum Ende des Krieges war Essen eine Trümmerwüste. In dieser Situation gab es kein Anhalten der Uhr, kein Innehalten. Das Überleben war zu organisieren – auf allen Ebenen. Restliche Fahrzeuge der Feuerwehr wurden unter primitivsten Bedingungen instandgesetzt; in nur sehr bedingt noch betriebsfähigen Feuerwachen wurde der Grundschutz unter unsäglichen Zuständen aufrechterhalten. Alles, aber keine Stunde null!
Die Autoren beschreiben, aufbauend auf dem Zusammenbruch des Jahres 1945, den mühevollen Wiederaufstieg der Feuerwehr Essen erst unter britischer, später unter kommunaler Verwaltung. Wir erfahren, wie aus dem Nichts heraus die völlig zerstörte Hauptwache wiedererrichtet wurde, wie mit Fahrzeugen der 40er Jahre eine neue hauptamtliche und ehrenamtliche Feuerwehr gebildet wurde.
Teilweise bis weit in die 60er Jahre dienten Kraftfahrspritzen, Kraftdrehleitern, Lkw dieser Essener Feuerwehr, spendeten mehrfach Fahrgestelle und Teile für Um- und Wiederaufbauten. Neu gelieferte Fahrzeuge rückten auf die Position des ersten Alarms, alte Schinken besorgten den zweiten und dritten Abmarsch.
Generalreparaturen und umfassende Umbauten lassen ungläubig staunen. Der erste Drehleiter-Fuhrpark war komplett recycelt. Aus einem dreiachsigen amerikanischen Militärtruck entstand ein Kranwagen, ein LF 25 von 1941 wurde zu einem wuchtigen Rüstkranwagen RKW 7 neu aufgebaut. Ein weiteres LF 25 aus 1943 wurde bei Metz völlig neu karosseriert. Und, kaum zu glauben: Noch 1972 stellte die Feuerwehr Essen ein selbstgebautes Schaumlöschfahrzeug in Dienst, das auf dem Fahrgestell einer DL 26 entstand.
Bei den Neufahrzeugen fallen die seinerzeit hochmodernen TLF 15 (Magirus) und TLF 16 (Metz) auf – und dann natürlich die Krupp-Löschfahrzeuge, Drehleitern, Lkw und Kräne, denn Essen war über vier Jahrzehnte „die Feuerwehr mit den Krupp-Fahrgestellen“. Hinzu traten etliche Spezialfahrzeuge: Sonderlöschmittelträger, Schlauchwagen, die Wasserrettung. Höchst erstaunlich ist der umfangreiche Fuhrpark für den Krankentransport, bis hin zu Mehrtragenwagen für den Massenanfall von Verletzten: Mehrere ausgewachsene Busse gab es dafür.
Auch Feuerlösch- und Rettungsboote werden im Buch behandelt; der Rhein-Herne-Kanal erfordert in Essen auch nautische Kompetenzen. Eine schiere Unzahl von Pkw, Bullis und Einsatzleitfahrzeugen wird von den Autoren ebenso kompetent geordnet wie etliche Anhänger.
Über die Jahrzehnte wandelte sich – wie überall - das Bild der Feuerwehr. Hauber wurden von Frontlenkern verschiedener Generationen abgelöst; schwarze Kotflügel wichen weißen Kontrastflächen. Auch Eingemeindungen führten zu einem veränderten Fahrzeugbestand – mit großer Gründlichkeit wird diesen Zugängen nachgespürt. Die Abrollbehältertechnik wird als Ausfluss neuer Logistik dargestellt. Breiten Raum nimmt der Erweiterte Luftschutzhilfsdienst und der Katastrophenschutz mit Bund-Fahrzeugen ein.
Niederflurbauart von Drehleitern, Dienstfahrzeuge mit Elektroantrieb, neue Taktiken, die andere Fahrzeugkonzeptionen erforderten: Es wäre an dieser Stelle noch so viel zu sagen über das, was man im opulenten Werk „Fahrzeuge der Feuerwehr Essen von 1945 bis 1995“ findet. Für mich ist es mit seinen über 800 Aufnahmen weit mehr als ein überaus fleißig zusammengestelltes Fahrzeuglexikon: Es ist ein Geschichtsbuch, das die Historie der alten BR Deutschland am Beispiel der Feuerwehr Essen erklärt, das Ruhrgebiets-Atmosphäre verströmt, das einen Zeitstrahl zwischen totalem Zusammenbruch und neuer Prosperität begreifen lässt. Großer Respekt, meine Herren Autoren und Verleger!
Stefan Aschauer-Hundt
===============
Fahrzeuge der FEUERWEHR ESSEN 1945 – 1995
Erschienen bei: André Streich in der Reihe FEUERWEHREN DER REGION
Von Andreas Händler und Thomas Kohn (Herausgeber)
Hardcover, 215 mm × 290 mm, 224 Seiten, über 800 Abbildungen
34,90 Euro, erhältlich beim Verlag unter https://www.feuerwehren-der-region.de/shop-bücher/





