Die Haubenfahrzeuge der Nachkriegszeit - Teil 43

Montag, 16. Dezember 2019

Die Haubenfahrzeuge der Nachkriegszeit - Teil 43 – Borgward B 2000 A/O 0,75t gl als LKW (Baujahre 1956 bis 1961)

Generationen von Wehrpflichtigen der Bundeswehr haben auf den Borgward B 2000 A/O 0,75t gl ihre Fahrschulausbildung erhalten. In diesem und den folgenden Artikeln sollen die kleinsten LKW der neu entstandenen Bundeswehr und vor allem ihr spätere Nutzung bei BOS-Organisationen vorgestellt werden.

Im so genannten Sicherheitsmemorandum bot Bundeskanzler Adenauer am 29. August 1950 gegenüber dem US-amerikanischen Hochkommissar für Deutschland John McCloy an „im Fall der Bildung einer internationalen westeuropäischen Armee einen Beitrag in Form eines deutschen Kontingents zu leisten.“ Ohne Rücksprache mit seinem Kabinett hatte er damit die Wiederbewaffnung der gerade einmal ein Jahr alten Bundesrepublik ins Spiel gebracht. Als Gegenleistung sollten die Westalliierten das Besatzungsstatut lockern und der Bundesregierung mehr Spielraum bei ihren Entscheidungen geben.

Der Vorschlag traf angesichts des gerade ausgebrochenen Korea-Krieges bei den Westalliierten auf ein gewisses Interesse, es wurde kontinuierlich weiter darüber verhandelt. Innerhalb der Bundesrepublik war das Thema der Wiederbewaffnung sehr umstritten, es gab erbitterte Auseinandersetzungen im Bundestag, aber auch auf der Straße. Eine westeuropäische Armee kam zwar nicht zustande, stattdessen wurde 1955 die Bundeswehr gegründet und in das westliche Verteidigungsbündnis NATO eingebunden. Im Gegenzug erhielt die Bundesrepublik die volle Souveränität. Ausführlich dargestellt wurde das bereits in Teil 29 dieser Serie.

Alle bundesdeutschen LKW-Hersteller waren sehr erpicht auf Rüstungsaufträgen, da es ihnen sichere Einnahmen in erheblicher Höhe versprach. Umgekehrt hatte das im Aufbau befindliche Verteidigungsministerium ein großes Interesse an einem möglichst einheitlichen Fahrzeugpark. In jeder Tonnageklasse sollte möglichst nur ein Hersteller die Fahrgestelle liefern. Allerdings standen dieser Forderung die vorhandenen Fertigungskapazitäten in den Werken und die boomende zivile Nachfrage entgegen.

In der 5 t-Klasse gelang es nicht, nur einen Hersteller zu beauftragen. Bei den Eintonnern war das dagegen möglich. Hanomag, Opel und Borgward stellten 1955/56 jeweils Prototypen entsprechend den NATO-Standards vor. Diese Vorgaben waren für damalige Zeiten sehr ambitioniert: Mit dem geforderten Allradantrieb sollten Steigungen bis zu 60 % bewältigt werden können, dabei durfte auch eine Querneigung von 20 % kein Problem sein. Durchfahrten von bis zu 90 cm tiefen Gewässern sollten ebenso möglich sein wie das Erklimmen 30 cm hoher Stufen. Im Temperaturbereich zwischen –25o C und 51o C sollte der Motor problemlos funktionieren, darüber hinaus war Tropenfestigkeit gefordert. Die Reichweite mit einer Tankfüllung musste bei mindestens 500 km liegen.

Ausgehend von dem bereits in Teil 39 vorgestellten teilmilitarisierten Zweitonner wurde bei Borgward jetzt ein den oben genannten Standards entsprechender LKW entwickelt. In den nachfolgenden Tests in dieser Nutzlastklasse konnte Borgward sich gegen die Mitbewerber durchsetzen. Nicht nur die gelungene Konstruktion überzeugte die Abnahmekommission, auch der im Vergleich zu den Hanomag- und Opel-Produkten deutlich günstigere Preis brachte den endgültigen Zuschlag.

Der neu konstruierte LKW wurde entsprechend dem „Bundeswehrdeutsch“ als LKW 0,75 t gl bezeichnet, also als geländegängiger LKW mit 0,75 t Nutzlast. Tatsächlich lag sie schließlich je nach Ausführung bei 1.030 bzw. 1.050 kg. Gegenüber den ab 1953 produzierten teilmilitarisierten LKW für die britischen Streitkräfte in Deutschland wurde der Radstand um 200 mm auf 3.200mm verkürzt, auch die Hinterachse war einfach bereift. Als Motor wurde der bereits im zivilen B 2000 erprobte und aus dem PKW „Hansa 2400“ stammende Sechszylinder-Benzinmotor 6M 2,4 A verwendet. Aus 2.337 cm³ Hubraum entwickelte er 82 PS bei einer Nenndrehzahl von 4.500 U/min. Das hätte im Notfall auch für das Ziehen der 1 t- Anhänger der NATO ausgereicht, war aber einsatztaktisch so nicht vorgesehen. Dennoch wurden selbstverständlich vorne und hinten Anhängerkupplungen verbaut. Die Höchstgeschwindigkeit des max. 3.500 kg schweren Fahrzeugs lag bei 95 km/h, für damalige Zeiten ein respektabler Wert. Die Bodenfreiheit betrug 260 mm, als Länge über alles wurden 5.320 mm, als Breite 1.900 mm angegeben. Der Rampenwinkel betrug immerhin 45o, das Fahren über Stufen von 300 mm Höhe war kein Problem. Als Bereifung wurde die Ausführung 9.00-16 extra M verwendet.

Völlig neu war die Konstruktion von Motorhaube und Führerhaus nach NATO-Standards in eckiger Form. Dazu gehörte auch eine fast gerade, stabile Stoßstange. Das Führerhaus erhielt das bei Streitkräften übliche Segeltuchverdeck zum Abnehmen, auch die Seitenscheiben aus durchsichtigem Kunststoff ließen sich herausnehmen und hinter den Sitzen verstauen. Zusätzlich konnte die Frontscheibe nach vorne auf die Motorhaube geklappt und in dieser Lage verriegelt werden. Dem Borgward-Konzern war diese Baureihe eine eigene Fahrgestellnummer wert, die sechsstellige Ziffernfolge begann stets mit 96.

In Osterholz-Scharmbeck existierten direkt am Bahnhof die F. Drentmann Fahrzeugwerke, die im 2. Weltkrieg Drehkränze für Flak-Geschütze und danach LKW-Aufbauten und Anhänger produziert hatten. Der in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Firma kaufte Borgward 1955 das recht große Gelände mit etlichen Hallen darauf ab und produzierte hier fortan die Aufbauten für Militärlastwagen. Die Fahrgestellfertigung erfolgte weiterhin im Hauptwerk in Bremen-Sebaldsbrück.

Bis zum Konkurs der Borgward AG im Herbst 1961 liefen 6.758 Exemplare des B2000 A/O 0,75 t gl vom Band, davon 5.672 für die Bundeswehr. Bei den allermeisten Fahrzeugen handelte es sich um neunsitzige Kübelwagen mit Segeltuchverdeck. Deren Vorstellung ist für den folgenden Artikel geplant. Die so genannten Funk- und Kommandowagen besaßen im hinteren Fahrzeugteil ein „Hardtop“, sie sollen in dieser Textserie nach den Kübelwagen abgehandelt werden.

Hier geht es um die Pritschenlastkraftwagen mit 750 kg Nutzlast, von denen einige hundert Stück durch die Bundeswehr beschafft worden sind. Als Verwendungszweck schrieb die Firma Borgward in einem undatierten, maschinengeschriebenen Datenblatt. „Nachrichtenfahrzeug, Fahrbereitschaft, fliegendes Personal, Fahrzeug für Instandsetzungs- und Wartungstrupp, Fahrzeug für Schallmess-Stelle, Vermessungshalbtrupp usw., Lastwagen für Luftlandeoperationen, AVKo, Flugsicherungstrupp, Verbindungstrupp, Lichtmess-Stelle.“ Unter AVKo ist ein Artillerieverbindungskommando zu verstehen. Tatsächlich wurden die LKW vor allem bei den Gebirgsjägern und den Luftlandtruppen eingesetzt.

Im Datenblatt hieß es weiter: „Pritsche mit Plane und Spriegel und flachem Boden, ohne Radkästen, Bordwände abklappbar, 400 mm Aufsteckbretter und Pritschenbordwände verstaubar, Pritschenplane wird im Plankasten untergebracht. … Das Fahrgestell ist zur Aufnahme von Sonderaufbauten aller Art, wie Kübelwagen, Koffer, geeignet. Der Pritschenaufbau kann gegen den Kübelaufbau ausgetauscht werden.“

Der Borgward-LKW konnte noch mehr: Zum Transport in Flugzeugen ließen sich Führerhaus- und Pritschenverdeck sowie die Bordwände abnehmen und an dafür vorgesehenen Stellen verstauen, u.a. zwischen Pritschenboden und Fahrgestellrahmen. Nach dem Umklappen der Windschutzscheibe war der LKW dann nur noch 1,80 m hoch.

Die robuste Stahlpritsche hatte Innenabmessungen von 1.700 mm x 2350 mm, die Bordwände waren 500 mm hoch. Mit den bereits erwähnten Steckbrettern ließ sich so eine 900 mm hohe Rückenlehne für den Mannschaftstransport erreichen. Dazu mussten zwei Klappsitzbänke an den seitlichen Bordwänden montiert werden, die Mannschaft saß dann also mit dem Blick nach innen.

Der Zulauf der ersten Fahrzeuge an die Bundeswehr erfolgte 1956. Von den später in den BOS-Bereich übernommenen LKW sind nur solche bis spätestens Baujahr 1957 bekannt. Das lässt vorsichtig darauf schließen, dass danach nur noch Kübel- bzw. Funk- und Kommandowagen produziert wurden. Etwa ab 1965 begann dann auch wieder die Ausmusterung der kleinen Pritschenlaster. Ein Nachfolgemodell wurde bei der Bundeswehr nicht eingeführt, die bisherigen Aufgaben übernahmen Unimog S 404.

Eine geringe Anzahl der LKW gelangte zu den Rettungsorganisationen und wurde für Transportaufgaben aller Art verwendet. Im Internet ist zum Beispiel ein Fahrzeug des Malteser-Hilfsdienstes in Aachen zu finden, auf einem anderen Bild ist es zusammen mit weiteren Borgward-Varianten zu sehen, auf die in späteren Artikeln noch eingegangen werden wird. Weitere Fotos können wir momentan nicht zeigen.

Etwas mehr Pritschen-LKW wurden von Feuerwehren übernommen. Dank der großzügigen Hilfe der Fotografen Thomas Batz, Klaus Fischer und Helmut Graf können wir sie im Bild zeigen.

Die einfachste Methode, einen LKW in den Feuerwehrdienst zu integrieren, ist ihn rot zu lackieren und entsprechend zu beschriften. Der Landkreis Diepholz spendierte seinem Borgward nicht einmal ein Blaulicht. Das in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Wehrbleck stationierte Fahrzeug wurde mal als LKW, dann wieder als Mehrzweckwagen bezeichnet. Benutzt wurde es beispielweise, um bei Moorbränden Mannschaften, Gerät und Betriebsstoffe vom Bereitstellungsraum näher an die für sonstige Fahrzeuge unerreichbaren Einsatzstellen zu bringen.


LKW, Borgward B 2000 A/O 0.75 t gl, Baujahr 1957, von der Bundeswehr übernommen durch den Landkreis Diepholz und in der FTZ Wehrbleck stationiert. Die eckigen Griffmulden sind typisch für Fahrzeuge des Baujahres 1956, gegen Jahresende wurde auf größere, gerundete Mulden umgestellt, wie das Titelbild dieses Artikels zeigt.

Das dem gleichen Einsatzzweck dienende Fahrzeug der Ortsfeuerwehr Untenende der Stadt Papenburg wurde etwas großspurig sogar als „LF-Moor“ bezeichnet.


LF-Moor, Borgward B 2000 A/O 0.75 t gl, 1956 auf die Bundeswehr zugelassen, ab 1977 im Einsatz bei der FF Papenburg, Ortsfeuerwehr Untenende.

Auch Werk- oder Betriebsfeuerwehren beschafften bisweilen ehemalige Bundeswehrfahrzeuge, so zum Beispiel die WF des Elektroschmelzwerks Kempten (heute 3M Technical Ceramics). Der Borgward wurde mit den Bänken auf der Pritsche ab 1969 als MTW und Zugfahrzeug für einen TSA genutzt. 1986 wurde er an die Betriebsfeuerwehr des seit 1952 bestehenden Zweigwerks in Grefrath (Stadt Frechen) abgegeben und dort als einziges vorhandenes Fahrzeug weiterhin genutzt. Als es 1998 im Nieselregen fotografiert wurde, war es nicht mehr zugelassen, die ersatzlose Ausmusterung stand unmittelbar bevor.


MTW, Borgward B 2000 A/O 0.75 t gl, Baujahr 1956, zunächst im Bundeswehreinsatz, 1969 zum Feuerwehrfahrzeug umgebaut durch die WF Elektroschmelzwerk Kempten, 1986 abgegeben an die BtF des Zweigwerks in Grefrath, 1998 ausgemustert. An der nicht unten abgeschrägten hinteren Türkante erkennt der Fachmann, dass es sich um einen der ersten 500 gebauten B 2000 A/O 0,75t gl handelt.

Am häufigsten wurden die Pritschen-LKW offenbar bei bayerischen Feuerwehren als Mannschaftswagen mit Tragkraftspritze (MW-TS) verwendet. Von der Beladung her waren sie am ehesten mit einem TSF vergleichbar, sie erfüllten aber nicht alle Normvorgaben. In anderen Bereichen wurden diese dagegen überschritten, z.B. beim Allradantrieb und bei der möglichen Gruppenbesatzung (drei Feuerwehrmänner im Führerhaus, sechs weitere auf der Pritsche).

Ein sehr schönes Beispiel für diese „Rüstungskonversion“ ist der ehemalige MW-TS der zur Gemeinde Oy-Mittelberg gehörenden FF Mittelberg (siehe auch Titelbild). Das 1957 auf die Bundeswehr zugelassenen Fahrzeug tat dort bis etwa 1974 Dienst. Während dieser Zeit war es bereits 1967 bei Büssing einer Werksinstandsetzung unterzogen worden. Die Firma hatte nach dem Borgward-Konkurs die Liegenschaft in Osterholz-Scharmbeck übernommen, noch einige Borgward-Nachbauten für das Bundesinnenministerium gefertigt und vor allem die Arbeiten der Materialerhaltungsstufe 4 (Werks- oder Depotinstandsetzung) für die Bundeswehr durchgeführt.

Etwa 1975 übernahm die FF Mittelberg den LKW und rüstete ihn für ihre Zwecke um. Es folgten weitere 25 Jahre Feuerwehrdienst.


MW-TS, Borgward B 2000 A/O, Eigenumbau, Bauj. 1957, als Pritschen-LKW geliefert an die Bundeswehr, ca. 1975 durch die FF Mittelberg übernommen und zum TSF umgebaut, ausgemustert 2000. Auf dem Foto fehlt die TS, nur die beim Umbau ergänzte Entnahmehilfe für die Pumpe ist zu erkennen. Dieses Fahrzeug besitzt schon die gerundeten, größeren Griffmulden an den Türen.

Die bereits in Teil 39 erwähnte Firma Fahrzeugbau Sebastian Meßner in Großgundertshausen (Kreis Kelheim) nutzte auch ehemalige Bundeswehr-LKW von Borgward als Basis für die von ihr vertriebenen Mannschaftswagen Sogar eigenes Prospektmaterial war vorhanden, wie Bilder aus dem Internet zeigen.

Einige der MW-TS erhielt bei Meßner eine zusätzliche Haspelhalterung an der vorderen Stoßstange. Das gab den Fahrzeugen noch ein besonders eigentümliches Aussehen, denn diese z.B. in Frankreich seinerzeit sehr verbreitete Bauweise war in Deutschland eher unüblich. Ob so eine Konstruktion auch heute noch den Segen des TÜV bekommen würde, ist eher unwahrscheinlich. Ein entsprechend umgebauter MW-TS war ab 1971 bei der FF Akams (heute eine Ortsteilfeuerwehr von Immenstadt) stationiert.


MW-TS, Borgward B 2000 A/O, Bauj. 1956, geliefert als LKW an die Bundeswehr, 1971 durch Meßner im Auftrag der FF Akams umgebaut. Wieder sind eckige Griffmulden vorhanden.

Die FF Büchl im Landkreis Passau beschaffte 1968 einen ähnlichen MW-TS über Meßner und nutzte ihn bis 1980. Der 1956 gebaute LKW wies bei der Übernahme eine Fahrleistung von 48.124 km auf, der Preis betrug 4.350 DM: Wenige Monate zuvor hatte bereits die in der Nähe ansässige Feuerwehr Nammering ein derartiges Fahrzeug in Dienst gestellt.

Gelegentlich hat es sogar Borgward-LKW nach Frankreich verschlagen, wie dieses Bild vom Fahrzeug der Feuerwehr Osny aus dem Departement Val-d’Oise zeigt. Nähere Angaben waren nicht zu bekommen.


(wird fortgesetzt)

Text: Klausmartin Friedrich

Bilder: Thomas Batz, Klaus Fischer, Klausmartin Friedrich, Helmut Graf.

Literatur (u.a.):

Graf, Helmut: Bremer Spezialitäten. In: Last & Kraft, Sonderedition 1/2006 Historische Feuerwehr-Fahrzeuge. Stuttgart, 2006.

Michels, Peter: Borgward Lastwagen & Omnibusse 1945-1961. Brilon, 2007.


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