Die Haubenfahrzeuge der Nachkriegszeit - Teil 37

Montag, 28. Januar 2019

Die Haubenfahrzeuge der Nachkriegszeit - Teil 37 – Borgward B 1000, B 1250, B 1500 bzw. B 511 und B 611 (Baujahre 1949 bis 1961)

Im Gegensatz zu den meisten anderen Herstellern bemühte sich die Carl F.W. Borgward G.m.b.H. ihr Programm vor allem nach unten abzurunden, also auch den Markt der leichten Transporter zu bedienen. In diesem Artikel sollen die Nachkriegstypen zwischen einer und 1,5 t Nutzlast vorgestellt werden. Dabei wird ausnahmsweise auch auf die entsprechenden Frontlenkerfahrgestelle eingegangen. Fast alle dieser Fahrzeuge sind längst verschrottet worden, ihnen wurde einfach keine Bedeutung beigemessen. Das wirkte sich leider auch auf das zur Verfügung stehende Fotomaterial aus. Nur dank der Mithilfe einiger Feuerwehrfotografen konnten diese Lücken weitgehend gefüllt werden.

Nachdem Carl Borgward im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft worden war, konnte er sich wieder ungehindert seiner Firma widmen. Drei Unternehmen erhielten in den Monaten kurz nach der Währungsreform in der Summe mehr Materialzuteilungen als ein großes. Also spaltete Borgward seine Firma auf.

Auf dem Areal in Bremen-Hastedt produzierte fortan die Goliath-Werk G.m.b.H. zunächst Dreirad-Transporter (GD 700, Goli), später auch leichte Vierradtransporter (GV 800, Express) sowie PKW, ab 1958 unter dem Namen Hansa.

Als weitere Firma entstand die Lloyd Maschinenfabrik G.m.b.H. Zunächst nutzte auch sie das Gelände in Hastedt und produzierte LKW mit Elektroantrieb auf Basis des Borgward B 3000. Bereits 1951 zog man aber auf die linke Weserseite nach Bremen-Neustadt in eine ehemalige Munitionsfabrik. Hier wurden kleinste PKW mit Zweitaktmotoren wie der legendäre „Leukoplastbomber“ Lloyd LP 300 und seine Nachfolger hergestellt, ab 1952 auch Transporter mit 500 kg Nutzlast.

Die großen PKW und die LKW waren aber den in Bremen-Sebaldsbrück gebliebenen Carl F. W. Borgward G. m. b. H. Automobil- und Motoren-Werken vorbehalten.

Noch bevor Borgward nach der Haft in die Firma eintreten durfte, wurde im Oktober 1947 die Produktion des leichten Vorkriegsmodells B 1000 wieder aufgenommen, das bereits 1938 vorgestellt worden war. Als Motor diente der Vierzylinder-Benzinmotor Borgward 4 M 1,4 mit 1.384 cm³ und einer Leistung von 33 PS bei 3.250 U/min. Zur Materialersparnis wurde der B 1000 zunächst nur mit einfach bereifter Hinterachse geliefert. Dabei war die Bereifung unterschiedlich: vorne 5,50-16, hinten 6,0-26. Erst im April 1949 wechselte man zur Doppelachse mit allseits gleicher Reifengröße 5,5-16. Durch den steilen, schmucklosen Kühlergrill – noch ohne den üblichen verchromten Rhombus – lässt sich diese Bauserie problemlos von späteren Versionen unterscheiden.

Der etablierte Krankenwagen-Hersteller Christian Miesen in Bonn karossierte auf diesem Fahrgestell einen Krankentransportwagen mit zwei übereinander angeordneten Tragen, es existieren aber auch Fotos mit nur einer Trage. Die Not der Nachkriegszeit zeigen der Solo-Scheibenwischer und die nur einmal vorhandene Heckleuchte deutlich.

Ein zum Feuerwehrfahrzeug umgebauter B 1000 ist bis heute erhalten geblieben. Erstmals zugelassen wurde das Fahrzeug am 1. Juli 1949 und anschließend einige Jahre als Milchwagen genutzt. Anfang der 1950er Jahre gelangte das Fahrgestell zur FF Jugenheim, die es zum Tragkraftspritzen umbaute und bis 1966 nutzte. Nächster Eigentümer war die FF Wembach-Hahn (Landkreis Darmstadt-Dieburg), sie nahm das TSF bis 1974 in Dienst. Danach verschwand es erst einmal in einer Scheune bzw. in der örtlichen Leichenhalle, wo es Kinder stark beschädigten. Irgendwann Mitte der 1990er Jahre erinnerten sich Wembacher Feuerwehrleute ihres alten Schatzes und restaurierten das Fahrzeug. Die Beladung fehlt zwar weitgehend, aber äußerlich wurde der Zustand der frühen 1970er Jahre wiederhergestellt.


TSF, Borgward B 1000, Eigenumbau, Bauj. 1949, ex Milchwagen, Umbau durch FF Jugenheim, dort bis 1966 im Dienst, danach bis 1974 im Einsatz bei der FF Wembach-Hahn. Dort wurde das TSF vor einigen Jahren restauriert und wird seitdem als Oldtimerfahrzeug erhalten. Die Frontpartie entspricht schon der späteren Baureihe B 1250.


Im Oktober 1949 kam die Weiterentwicklung des B 1000 als B 1250 auf den Markt. Er sah mit seiner abgerundeten Kühlermaske, den waagerechten Lüftungsschlitzen und vor allem dem verchromten Rhombus darin schon wie ein „typischer“ Borgward der Nachkriegszeit aus. Man hatte nicht nur die Nutzlast um 250 kg erhöht, sondern baute auch einen neuen Motor ein. Es war der bereits im PKW Hansa 1500 erprobte Borgward 4 M 1,5, also ein Vierzylinder-Benzinmotor mit etwa 1,5 Litern Hubraum. Tatsächlich besaß er 1.498 cm³ Inhalt und lieferte 48 PS bei 4.000 U/min.

Der B 1250 wurde mit den Radständen 2.800 mm, 3.200 mm und 3.600 mm angeboten und verkaufte sich hervorragend. Schnell fanden sich auch Karosseriebaufirmen, die Spezialaufbauten herstellten. Einen Polizeimannschaftswagen kann man im Internet finden, auch ein etwas seltsam aussehender Bus könnte für die Polizei bestimmt gewesen sein

Das Bild eines Krankenwagens auf Borgward B 1250, vermutlich mit Aufbau von Thiele aus Bremen, kann man ebenfalls in einem Blog ansehen. Das Kennzeichen AE bedeutet „amerikanische Exklave“ und galt von 1948 bis 1956 in der unter US-Besatzung stehenden Hansestadt Bremen. Ob das Fahrzeug auch in Bremen eingesetzt wurde oder nur dort vor der Überführung zum Kunden zugelassen werden musste, war nicht zu klären. Es existieren weitere Fotos von ähnlichen Krankenwagen mit AE-Kennzeichen, die KTW unterscheiden sich aber wiederum von den fünf durch Thiele an das DRK Bremen gelieferten B 1250.

Manche Feuerwehr bediente sich auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Die FF Lieme übernahm bereits 1954 einen B 1250, der fortan als Mannschafts- und Gerätewagen genutzt wurde. Mitgeführt wurde ein TSA. Etwas großspurig wurde diese Kombination später als LF-TSA bezeichnet. Ob der Aufbau erst bei der Feuerwehr aufgesetzt oder nur entsprechend umgerüstet wurde, ließ sich nicht feststellen. Erstaunlich ist auf jeden Fall für die Nachkriegszeit, dass ein nur wenige Jahre alter Transporter erworben werden konnte.

Das Führerhaus des B 1250 wurde im Dezember 1951 überarbeitet und bot jetzt Platz für drei Personen. Gleichzeitig wurden die senkrechten Lüftungsschlitze an der Haubenseite durch zwei waagerechte breitere Öffnungen ersetzt. Jetzt sah der B 1250 endgültig so aus wie seine größeren Brüder – aber nicht lange.

Zunächst löste 1952 der B 1500 den leichteren B 1250 ab. Der kurze Radstand entfiel, jetzt konnten nur noch 3.200 mm oder 3.600 mm geordert werden. Wieder kamen die Motoren aus dem PKW-Bau, dieses Mal vom Hansa 1800. Der Vergasermotor Borgward M 4 1,8 verfügte jetzt über 1.785 cm³ Hubraum und lieferte 60 PS. Der neu entwickelte und nach dem Wirbelkammerverfahren arbeitende gleich große Dieselmotor D 4 M 1,8 begnügte sich mit 42 PS. Dafür benötigte er mit 8,4 l/100 km aber nur etwa 2/3 so viel Kraftstoff wie der durstige Benziner (12, 5 l/100 km). Die für den Diesel von 90 km/h auf 75 km/h reduzierte Höchstgeschwindigkeit musste dafür in Kauf genommen werden. Fahrzeuge mit Vergasermotoren erhielten bei der Typenbezeichnung den Zusatz „/O“ wie „Ottomotor.“ Der Eineinhalbtonner hieß dann also B 1500/O.

Für das Corps of Engineers der US Army wurde eine Serie von Werkstattwagen mit Benzinmotoren beschafft, die als „Electrical Maintenance Units“, also zur Wartung elektrischer Anlagen eingesetzt wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass später einige dieser Fahrzeuge über die VEBEG bei Feuerwehren landeten. Aus der Literatur ist die Beschaffung einiger Borgward B1500/O für den neu gegründeten Bundesgrenzschutz (BGS) bekannt. Die Fahrzeuge mit schmalem Kofferaufbau, sehr ähnlich den US-Army-Aufbauten, wurden vermutlich als Werkstattwagen genutzt. Mit der Gründung der Bundeswehr wechselten mehrere Tausend Grenzschutzangehörige dorthin und nahmen einen Teil des Fuhrparks mit. So kamen auch einige dieser Werkstattwagen dorthin.

Auf dem Brüsseler Autosalon 1950 hatte Hanomag einen 1,5-Tonner vorgestellt, der für starkes Aufsehen sorgte. Beim L 28 genannten LKW war nicht nur der deutlich wirtschaftlichere Dieselantrieb für diese Nutzlastklasse bemerkenswert. Noch stärker beeindruckte das moderne, aus den USA übernommene Design mit der so genannten Alligatorhaube. Die Scheinwerfer waren keine freistehenden Teile mehr, sondern sie wurden harmonisch in die Front einbezogen. Die Verbindung zur PKW-Gestaltung war unübersehbar. Das traf den Geschmack der Zeit.

Ford gestaltete seinen FK 2000 zunächst etwas halbherzig um, hier waren noch deutlich Kotflügel zu erkennen, allerdings bereits mit integrierten Scheinwerfern. Die Adam Opel AG zog 1952 nach und präsentierte ihren Opel Blitz 1,75 t, der noch etwas abgerundeter wirkte als der Hanomag L 28.

Borgward musste und wollte sich dem Konkurrenzkampf stellen. Im Frühjahr 1954 erschien der B 1500 mit verändertem Design. Die Haube war flacher und breiter geworden, der Kühlergrill sah elliptisch aus, an seinen Enden waren die Scheinwerfer ins Blech integriert. Damit konnte er jetzt optisch mit Opel und Hanomag mithalten. Gleichzeitig wurde der Benzinmotor erneut gegen ein besseres Modell ausgetauscht – selbstverständlich aus der PKW-Reihe. Der für die Isabella entwickelte Motor Borgward 4 M 1,5 II holte aus 1.493 cm³ die 60 PS heraus. Und noch etwas kam aus dem PKW-Bau: die Lenkradschaltung für das jetzt vollsynchronisierte Getriebe.

Wie seine Vorgänger wurde der B 1500 als Basisfahrgestell für Krankenwagen genutzt, üblicherweise mit Benzinmotor. Der Lackierung nach war das bei Miesen in Bonn ausgerüstete Fahrzeug (mit einfach bereifter Hinterachse) für eine Feuerwehr bestimmt, Lieferungen an die Rettungsorganisationen sind ebenfalls bekannt.

Die im Aufbau befindliche Bundeswehr benötigte für ihre stationären Dienststellen Krankenkraftwagen. Eine erste Serie, die vor allem in Marine-Stützpunkten stationiert wurde, nutzte den B 1500/O mit 3.200 mm Radstand. Auf die Fahrgestelle mit Führerhaus wurden (eventuell bei Thiele in Bremen) Kofferaufbauten für vier Patienten aufgesetzt, die der späteren KrKw-Bauart auf Unimog sehr ähnelten. Die Ausstattung wurde von Miesen vervollständigt. Auslieferung aller Fahrzeuge war im Oktober 1956. Genaue Stückzahlen sind leider nicht bekannt, offenbar hat auch kein Fahrzeug bis heute überlebt. Ein Bild kann hier ebenfalls nicht gezeigt werden.

Von der zweiten Serie auf B 1500/O sind dagegen die Rahmendaten bekannt. Als Generalunternehmer für 135 Krankenwagen trat die Firma Miesen auf, die auch die Ausrüstung für sämtliche Fahrzeuge lieferte. Sie selbst stellte allerdings nur 40 Aufbauten her, weitere 75 entstanden (nach einheitlichen Zeichnungen) bei Binz in Lorch, die verbleibenden 20 bei Voll in Würzburg. Derartige Aufsplitterungen von Aufträgen waren damals durchaus üblich, nur so konnten bei der schnellen Aufrüstung der Bundeswehr begrenzte Produktionskapazitäten optimal genutzt werden. Mancher im Ausschreibungsverfahren unterlegene Anbieter konnte so außerdem „beruhigt“ werden und bekam auch seinen Teil vom Kuchen ab. Die Auslieferung für alle Fahrzeuge war im Sommer 1957.

Diese 2. Serie der Bundeswehr-Krankenwagen sah sehr viel gediegener aus als die vorangegangene Kofferversion. Im optisch ansprechenden Aufbau konnten wieder vier liegende Patienten transportiert werden, auf der Beifahrerseite war eine Tür zum Patientenraum. Das entsprach dem üblichen Krankenwagenstandard.

Nach der Aussonderung bei der Bundeswehr bis zur Mitte der 1970er Jahre erwarben einige kleinere Feuerwehren Fahrzeuge dieser Art und rüsteten sie für ihre Zwecke um. So entstanden im Eigenbau Tragkraftspritzenfahrzeuge. Ein Beispiel ist das ehemalige TSF der FF Busenborn, einem Ort mit etwas mehr als 200 Einwohnern im Vogelsbergkreis.


TSF, Borgward B 1500/O, Aufbau Lorch, Miesen oder Voll, Bauj. 1957, geliefert als KTW an die Bundeswehr, ab etwa Mitte der 1970er Jahre im Dienst bei der FF Busenborn, heute Museumsfahrzeug.


Bei der Freiwilligen Feuerwehr in Macken, einer winzigen selbständigen Gemeinde im Hunsrück, war ein weiterer ehemaliger Krankentransportwagen im Dienst. Hier war (vorschriftswidrig) sogar noch die Leuchte mit dem Roten Kreuz erhalten geblieben.


TSF, Borgward B 1500/O, Aufbau Lorch, Miesen oder Voll, Bauj. 1957, ehemaliger Bundeswehr-Krankenkraftwagen, danach als TSF bei der FF Macken im Hunsrück.

Auf dem Fahrgestell B 1500 bzw. B 511 wurden – soweit bekannt – nur zwei Löschgruppenfahrzeuge gebaut. Das erste LF 8 erstellte die Firma Arve aus Springe 1958 für die Feuerwehr der Nachbargemeinde Alferde. Typisch für niedersächsische Fahrzeuge war die Heckbeladung. Die Vorbaupumpe stammte von Magirus. 1974 wurde Alferde nach Springe eingemeindet, das LF 8 kam sozusagen nach Hause. Später wurde es noch zur Ortsfeuerwehr des ebenfalls eingemeindeten Stadtteils Altenhagen I umgesetzt.


LF 8, Borgward B 1500, Arve, Vorbaupumpe Magirus, Bauj. 1958, geliefert an die FF Alferde, hier bereits im Einsatz bei der Ortsfeuerwehr Altenhagen.

Auch das andere LF 8 stammte aus Niedersachsen und besaß daher die dort bevorzugte Heckbeladung. Es wurde 1959 von der Fa. Graaff an die FF Baden (Weser) geliefert, seit 1972 eine Ortsfeuerwehr der Stadt Achim. Nach etwa zwei Jahrzehnten Dienst wurde es 1978 an die FF Birnstengel im Fichtelgebirge verkauft. Was nach seiner dortigen Ausmusterung 1987 damit geschah, ist nicht bekannt.


LF 8, Borgward B 1500/O, Graaff, Bauj. 1959, geliefert an die FF Baden (Weser), von 1978 bis 1987 bei der FF Birnstengel im Einsatz.

Die Daimler-Benz AG stellte 1955 ihren ersten leichten Frontlenker-Lastkraftwagen vor, den L 319, der ein echtes Erfolgsmodell wurde. Borgward wollte dahinter nicht zurückstehen und präsentierte auf der IAA 1957 ebenfalls einen Frontlenker mit 1,5 t Nutzlast, in dem sechs Jahre Entwicklungsarbeit steckten.

Auf Basis des erprobten B 1500 war ein sehr zeitlos wirkender Transporter B 1500 F entwickelt worden, dessen Ähnlichkeit zum Mercedes L 319 sicher kein Zufall war. Der Radstand war auf 2.600 mm festgelegt worden, was den Wendekreis auf nur 10,8 m brachte. Wahlweise konnten wie beim Bruder mit der abgesenkten Haube der Dieselmotor D 4 M 1,8 mit 42 PS oder der Benzinmotor 4 M 1,5 II (60 PS) eingebaut werden. In letzten Fall erhielt die Fahrgestellbezeichnung dann ganz konsequent wieder den Zusatz „/O“. Der Motor war weit ins Fahrzeuginnere gerückt und befand sich jetzt unter dem mittleren der drei Einzelsitze. Gleichzeitig war aber auf optimale Wartungs- und Reparaturfreundlichkeit gesetzt worden. Der gesamte Vorderwagen ließ sich nach Lösung von nur vier Schrauben von der Karosserie trennen und herausnehmen.

Im Angebot waren neben einer Einzelkabine für Pritschen- und Kofferaufbauten ein formschöner Kastenaufbau (9 m³ Laderaum) sowie vom Design her identische Busse mit bis zu 17 Sitzplätzen und so genannte Halbbusse mit zweiter und ggf. dritter Sitzreihe. Die Gestaltung wirkte sehr harmonisch und gelungen. Die Kühlermaske war vom überarbeiteten Haubenfahrzeug B 1500 abgeleitet worden und ließ die Familienzugehörigkeit sofort erkennen. Auch bei dieser Baureihe wurde 1959 das neue Bezeichnungsschema eingeführt, bei dem die Frontlenker eine 6 an die erste Stelle bekamen. Aus dem B 1500 F wurde jetzt der B 611.

Der kleine Frontlenker erfreute sich bei den BOS-Organisationen einiger Beliebtheit. So sind geräumige Krankentransportwagen ebenso bekannt wie Polizeifahrzeuge, Gefangenentransportwagen oder Mannschaftstransportwagen. Die BF Mülheim (Ruhr) hatte als Schaumkanistertransporter einen serienmäßigen Kastenwagen B 611 von 1961 im Dienst. Einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte der MTW, der Jahrzehnte lang bei der FF Kempten im Einsatz war.


MTW, Borgward B 1500 F/O, Eigenausbau, Bauj. 1959, FF Kempten. Das nacheinander bei verschiedenen Ortsfeuerwehren in der Stadt Kempten stationierte Fahrzeug war in Eigenleistung aus einem Transporter entstanden. Dazu wurden Fensteröffnungen ins Blech geschnitten und Sitze montiert.

Für die Fernmeldezüge des Luftschutzhilfsdienstes (LSHD) wurden so genannte Lade- und Instandsetzungskraftwagen (LuIkw) benötigt. Die Planer gingen davon aus, dass dafür keine allradgetriebenen Fahrzeuge notwendig waren und entschieden sich für den B 1500 F als Halbbus. Ein Prototyp wurde 1958 intensiv getestet. Nachdem einige Mängel beseitigt worden waren und die Ausstattung in Teilen ergänzt wurde, erfolgte ab 1959 die Beschaffung einer Serie von weiteren 62 Stück – jetzt natürlich schon auf dem auf B 611 umbenannten Fahrgestell.


Lade- und Instandsetzungskraftwagen (LuIkw), Borgward B 611/O, Ausbau unbekannt, Bauj. 1961. Das Fahrzeug wurde durch den Luftschutzhilfsdienst (LSHD) beschafft und dem 5. (motorisierten) Luftschutz-Fernmeldezug Hamburg (5. LS-FmZ HH (mot)) zugeteilt. Aus diesem wurde bei der Auflösung des LSHD im Jahre 1972 die FF Hamburg-Wandsbek, die sich heute FF Wandsbek-Marienthal nennt.


Die Auslieferung zog sich bis 1961 hin. Ob mehr als die insgesamt 63 Fahrzeuge geordert worden sind, ist nicht klar. Der Konkurs der Borgward AG im Jahre 1961 beendete jedenfalls diese Beschaffung, für weitere 59 LuIkw wurde ein Produkt der Firma Hanomag genutzt.

Nach der 1972 erfolgten Auflösung des LSHD wurden die meisten Fernmeldezüge an die Rettungsorganisationen weitergegeben, die sie ohnehin schon betrieben hatten. In Hamburg gelangten so mehrere Züge zur Freiwilligen Feuerwehr bzw. aus ihnen entstanden neue freiwillige Wehren – vielfach zunächst sogar ohne Löschfahrzeuge. Einige wenige LuIkw wurden in die neue Organisationsfarbe umlackiert, sie wurden also blau, beige oder rot. Auch orange LuIkw sind bekannt, allerdings waren das eher Hanomag Markant.


Lade- und Instandsetzungskraftwagen (LuIkw), Borgward B 611/O, Ausbau unbekannt, Bauj. 1961, beschafft durch den LSHD und zunächst dem 9. LS-FmZ HH (mot) zugeteilt. Noch vor Ende des LSHD wurde er in 22. LS-FmZ HH umbenannt. Bei der Auflösung des LSHD wurde daraus 1972 die FF Berliner Tor. Sie lackierte ihren LuIkw in RAL 3000 (Feuerrot) um.

Die Firma Arve aus Springe nutzte serienmäßige Halbbusse der Baureihe B 1500 F bzw. B611 mit zusätzlicher Tür auf der Fahrerseite als Basis für Löschgruppenfahrzeuge LF 8. Dabei gelang es dem Hersteller, die gesamte Normbeladung (mit Ausnahme der Steckleiterteile) innerhalb des Kastenwagens unterzubringen. Wegen des weit zurückliegenden Motors verschwand sogar die Vorbaupumpe noch hinter der Kühlerabdeckung, nur der Saugstutzen ragte etwas über die Stoßstange hinaus.


LF 8, Borgward B 611, Arve, Bauj. 1961, geliefert an die FF Varel, dort heute als Museumsfahrzeug erhalten.

In dieser Bauart wurden mindestens vier Fahrzeuge produziert, eventuell auch mehr. Neben dem Vareler LF 8 ist auch das ursprünglich 1960 an die FF Ellerbek (Kreis Pinneberg) gelieferte Fahrzeug erhalten, das 1973 an die WF Jurid-Werke in Glinde verkauft wurde. Heute steht es im Feuerwehrmuseum Schleswig-Holstein.

Der Borgward B 611 konnte sich gegenüber dem LF 8 auf Mercedes-Benz L 319 jedoch nicht durchsetze. Das Raumangebot war dort ganz einfach größer, außerdem entschied der Borgward-Konkurs sehr bald das Rennen eindeutig.

Relativ beliebt waren die kleinen Borgward Frontlenker auch in den Niederlanden, wo sie sowohl als Mannschaftstransportwagen, als kleine Tankspritze und auch als „Personeel- / Matrieelwagen“ (PM) in Dienst gestellt wurden. PM bezeichnet in den Niederlanden Mannschaftstransportwagen mit Gerätebeladung, die zusammen mit einem Pumpenanhänger das Basisfahrzeug kleinerer Ortsfeuerwehren waren und zum Teil noch sind.

In der Schweiz werden ähnliche Autos „Pikettfahrzeuge“ genannt. Ein besonders schönes Exemplar besaß die FF Suhr im Kanton Aargau Den Ausbau des herkömmlichen Kastenwagens führte 1960 die Firma Kauffmann aus. Heute wird das Einzelstück von einem Sammler erhalten.


Pikettfahrzeug, Borgward B 611/O, Kauffmann, Bauj. 1960, im Einsatz bei der FF Suhr im Kanton Aargau, heute als Oldtimerfahrzeug durch einen Sammler erhalten.

Zum Schluss sei noch einmal ausdrücklich den Fotografen gedankt, die für diesen Artikel bereitwillig ihre Archive geöffnet haben. Ohne ihre Hilfe wäre eine angemessene Darstellung der „kleinen Borgwards“ nicht möglich gewesen!

(wird fortgesetzt)

Text: Klausmartin Friedrich

Bilder: Thomas Batz, Jörg Bürgener, Helmut Elstrodt, Klaus Fischer, Klausmartin Friedrich, Helmut Graf, Claus Tiedemann

Literatur (u.a.):

Gebhardt, Wolfgang H.: Geschichte des deutschen LKW-Baus. Augsburg, 1994.

Graf, Helmut: Bremer Spezialitäten. In: Last & Kraft, Sonderedition 1/2006 Historische Feuerwehr-Fahrzeuge, Stuttgart, 2006.

Regenberg, Bernd: Die deutschen Lastwagen der Wirtschaftswunderzeit; Bd. 1: Vom Dreiradlieferwagen zum Viereinhalbtonner. Brilon, 1985.

Walter, Georg: Retter mit Rhombus. In: Blaulicht, Heft 2/2008. Willich, 2008.


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